Opfer Unternehmer
Erpressung, Einbruch, Entführung – Firmenchefs sind in Beruf und Privatleben vielen Gefahren ausgesetzt,
die sie oft nicht einmal wahrnehmen.
Individuelle Präventionskonzepte schützen.

Presse

von Hartmut Kowsky-Kawelke
Als Elmar Wipperdorl* wieder zu sich kam, lag sein Auto im Straßengraben. Das Blut auf seiner Stirn war verkrustet. Was war passiert? Langsam kam die Erinnerung zurück: ein Zusammenstoß mit einem schwarzen Wagen. Wipperdorl hatte gerade mit seinem Steuerberater telefoniert und das andere Fahrzeug zu spät gesehen. Im Nachhinein schien es fast so, als ob jener Fahrer ihn hatte rammen wollen.
Als Wipperdorl sich zur Rückbank umdrehte und seinen Aktenkoffer nicht fand, begann er zu begreifen. Die Patentunterlagen für die neue Steuerung waren weg. Nun passte für den geschäftsführenden Gesellschafter der Wipperdorl Spezialmaschinenbau Werke alles zusammen: der Hacker-Angriff auf den Server seines Unternehmens, die ungewöhnlichen Anrufe bei ihm zu Hause, der versuchte Einbruch in der Niederlassung, das merkwürdige Verhalten seines Produktionsleiters. Alles hatte offenbar nur einen Grund: Jemand wollte an die Konstruktionsunterlagen.
Solche Erfahrungen von Unternehmern sind für René Schwarzenbach nicht ungewöhnlich. Schwarzenbach ist Vorstand des Sicherheitsdienstleisters Brook AG im schweizerischen Zug. „Firmenchefs verstehen Sicherheit oft nicht als Gesamtthema“, stellt der Oberleutnant der Schweizer Armee fest. Da arbeitet der IT-Mann an der Firewall, die Personalleitung kümmert sich um überraschend häufig krank werdende Mitarbeiter, ein Einbruchsversuch wird der zuständigen Polizei gemeldet. Scheinbar existiert kein Zusammenhang. Und die Vorkommnisse zu Hause werden mit den Geschehnissen in der Firma nicht in Zusammenhang gesehen. „Sicherheit ist heute aber ein sehr komplexes Thema“, so Schwarzenbach.
Dem stimmt auch Friedrich P. Kötter, Geschäftsführer der Kötter Security GmbH & Co. KG in Essen, zu. Eine Verschärfung der Sicherheitslage sei zwar nicht festzustellen. „Allerdings haben sich die Bedrohungsschwerpunkte verändert“, so der Experte. Bis in die 90er-Jahre waren Unternehmer durch terroristische und antikapitalistische Gruppierungen gefährdet. Heute geht die Bedrohung von der organisierten Kriminalität, von Stalkern, unzufriedenen oder entlassenen Mitarbeitern aus.
Die vielfältigen Bedrohungen sollten nach Ansicht von René Schwarzenbach Ausgangspunkt für eine gezielte, individuelle Risikoanalyse und -bewertung sein. Diese muss den Sitz der Firma ebenso einbeziehen wie die Branche, die Anzahl und die Orte von Niederlassungen, die Zahl der Mitarbeiter und viele weitere Einzelkriterien. Nur so kann das Risiko für einen Firmenlenker richtig bewertet werden. Wer sich sein Umfeld realistisch anschaut, der wird schnell feststellen, dass viele vermutete Gefahren gar keine sind oder mit einfachen Mittel entschärft werden können.
Ein solch einfaches Mittel ist zum Beispiel, sich gedanklich in die Täterrolle zu versetzen. Unternehmer können sich dafür die Frage stellen, an welchem Ort ein Entführer wohl zuschlagen würde. Solch ein Gedankenspiel führt ganz schnell zum Ausschluss vieler Orte. Für die verbleibenden Gelegenheiten lauten die Fragen: Wer weiß, wann ich wo bin? Wo bin ich verletzbar? Am Ende bleiben einige wenige Schwachstellen übrig, deren Kenntnis nun gezielt für Sicherheitsmaßnahmen genutzt werden kann. So entwickelt sich ein Risikobewusstsein.
Wer das einfache Modell, stets vom Bedroher aus zu denken, befolgt, hilft sich selbst bei der Analyse möglicherweise riskanter Situationen. Dabei kann es sich um ein kritisches Mitarbeitergespräch ebenso handeln wie um eine schwierige Geschäftsreise. Um sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten, sollte der Firmenchef die Gelegenheiten für Angriffsaktionen und die damit verbundenen Umstände kennen. Diese sind:
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Überraschung – ein Angriff erfolgt immer völlig unerwartet.
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Ort – ein Angriff geschieht stets in einer geeigneten Umgebung, und der Angreifer ist meistens physisch vor Ort.
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Mobilität – der Angreifer wird versuchen, die Mobilität seines Opfers zu unterbinden, um nach erfolgter Attacke zu entkommen.
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Kommandogewalt – der Aggressor will das Kommando, er will bestimmen, was passiert.
Überraschung, Ort, Mobilität und Kommando umreißen somit die Handlungsmöglichkeiten des Angegriffenen. Unternehmer tun daher gut daran, ein System zu installieren, dass sie vor bösen Überraschungen schützt. Hierbei hilft eine sorgfältige Vorbereitung – etwa von Reisen oder Gesprächen – die neben dem Geschäftlichen auch berücksichtigt, welche überraschenden Aktionen wann und wo möglich sind. So ist es zum Beispiel hilfreich, wenn sich ein Firmenchef vorab über die Sicherheitslage in einem Land informiert, in das er reisen will. Wer vorher weiß, dass am Flughafen dreiste Trickdiebe ihr Unwesen treiben oder im Hinterland bewaffnete Banden marodieren, lässt extreme Vorsicht walten.
Die Orte des Angriffs zu definieren, ist ebenso wichtig. Ein Unternehmer sollte aufmerksam wahrnehmen, was um ihn herum passiert. Viele Firmenlenker bekommen von ihrem Umfeld vor lauter Stress, Termindruck und Arbeitsbelastung überhaupt nichts mit. Das ist äußerst unvorsichtig. Denn ein Firmenchef muss sensibel auf seine Umgebung reagieren, um aus auffälligen Situationen und Begebenheiten sofort die richtigen Schlüsse ziehen zu können.
Beim Thema Mobilität geht es um Über-legungen, wie sich die eigenen Fortbewegungsmöglichkeiten bei einem Angriff aufrechterhalten lassen. Welche Orte sind unter diesem Gesichtspunkt unbedingt zu meiden, weil sie keinen Ausweg offen lassen? Sollte die eigene Villa über eine Hintertür verfügen? Hilft eventuell ein versteckt bereit gehaltenes Fahrzeug?
Konnte der Angreifer seinem Opfer doch die Mobilität nehmen, kommt es für den Attackierten darauf an, nicht unter das Kommando seines Gegners zu geraten. An diesem Punkt fühlen sich viele Opfer massiv überfordert und reagieren hilflos nach dem Motto: Jetzt kann ich nichts mehr ausrichten. „Dies ist aber nicht der Fall“, betont René Schwarzenbach. Ein Angriff läuft in der Regel nach einem bestimmten Muster ab. Der Angreifer steht vor dem Opfer und schlägt zu. Der Angegriffene weicht zurück, der Aggressor folgt ihm, schlägt weiter. Anders läuft es aber, wenn der Attackierte trotz der Schläge auf seinen Peiniger zugeht. „In diesem Fall weicht der Angreifer zurück“, so Schwarzenbach. Die Kommandogewalt geht auf den Angegriffenen über.
Selbsthilfe ist nach Ansicht von Experten durchaus wichtig, aber kein Allheilmittel. „Viele Unternehmer wiegen sich vermeintlich in Sicherheit, wenn sie der Empfehlung zu Kampfsport und Schießtraining folgen“, sagt Jürgen Plöpst. Er ist geschäftsführender Inhaber der SCI Detektei im westfälischen Marl. Die beste Selbsthilfe ist laut Plöpst jedoch eine hohe Sensibilität für alle Veränderungen im Umfeld. Er muss es wissen, schließlich verantwortet er alljährlich die kompletten Sicherheitsmaßnahmen beim Adolf-Grimme-Fernsehpreis. „Verändert sich das Umfeld, dann sollten die Profis ran“, so Plöpst. Auch René Schwarzenbach verweist beim Thema Selbsthilfe auf den Unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und effektiver Sicherheit. Natürlich hat Kampfsport einen Fitnesseffekt, baut Aggressionen ab und führt zu Ausgeglichenheit. „So kann sich der Sport insgesamt in Krisensituationen positiv auswirken“, sagt Schwarzenbach. Unternehmer sollten beim Thema Sicherheit jedoch bedenken: „Es gibt für jeden Job einen Spezialisten.“
Genau das gilt auch für die Aufarbeitung und Nachbereitung von Krisensituationen. Konnte ein Angriff, eine Entführung oder eine Verletzung nicht verhindert werden, ist schnelle psychologische Unterstützung angeraten. Christian Lüdke, Geschäftsführer der zur Kötter Unternehmensgruppe gehörenden Terapon Consulting GmbH, erklärt: „Wir können das Erlebte zwar nicht ungeschehen machen, die Folgen aber sehr wohl reduzieren.“ Professionelle Betreuung könne das Risiko senken, dass es nach einem einschneidenden Ereignis zu schweren seelischen Belastungsreaktionen oder einer dauerhaften Berufsunfähigkeit kommt. Heilung und Prävention seien sehr wichtig. In Verhaltenstrainings und Schulungsmaßnahmen lassen sich zum Beispiel Methoden zur Deeskalation bei typischen Bedrohungssituationen im Berufsalltag und in der Freizeit erlernen.
Klar sieht Elmar Wipperdorl mittlerweile. Eine Messepräsentation seiner neuen Steuerungstechnik hatte bei der Konkurrenz viel Aufmerksamkeit erregt. Die klassischen Methoden der Industriespionage, der Einbruch und der Angriff über das Internet hatten nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Der Konkurrent musste stärkere Geschütze auffahren und erpresste den Produktionsleiter. Allerdings kam der nicht an die begehrten Unterlagen heran. Also wurde der Chef persönlich angegangen, in einen Autounfall verwickelt und beraubt. Wipperdorl erarbeitet derzeit mit professioneller Unterstützung ein umfassendes Sicherheitskonzept. Für sein Unternehmen, für sich und für die Familie. Noch einmal passiert ihm so etwas nicht. Sicher nicht.



Das richtige Verhalten
So reagieren Sie im Ernstfall

Wenn die Alarmanlage angeht
Bei einem Alarm sollte die Innenbeleuchtung ausgehen und die Außenbeleuchtung eingeschaltet werden. Die gefährdeten Personen sollten einen besonders
gesicherten Raum aufsuchen oder das Haus über festgelegte Fluchtwege
verlassen. Die Polizei ist zu informieren.

Im Falle einer Entführung
Bei einer Entführung besteht die größte Gefährdung der gekidnappten Person stets zu Beginn. In dieser Phase sind die Täter besonders angespannt und misstrauisch. Es ist daher bei unerwarteter Gegenwehr des Opfers mit unberechenbarem Verhalten des Täters zu rechnen. Darum Vorwürfe unterlassen und den Forderungen und Anweisungen der Täter Folge leisten. Es ist ratsam, Tätern gegenüber keine Abneigung, Verachtung oder Überheblichkeit zu zeigen.

Falls Stalker keine Ruhe geben
Betroffene Personen sollten sich nicht einschüchtern lassen, sondern dem Stalker klarmachen, dass sie keinen Kontakt wollen. Anschließend sollten sie ihn ignorieren. Reicht dies nicht aus, ist Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Betroffene sollten die Belästigung nicht für sich behalten, sondern vertraute Personen informieren.

Bei Verfolgung im Auto
Durch intensive Aufmerksamkeit sollten solche Situationen möglichst bereits im Vorfeld vermieden werden. Beim Verdacht, durch andere Fahrzeuge verfolgt zu werden, empfehlen sich mehrmalige deutliche Geschwindigkeitswechsel, kurzzeitiges Verlassen und sofortige Rückkehr auf die ursprüngliche Fahrtstrecke und ähnliche Maßnahmen. Bestätigt sich der Verdacht auf Verfolgung, sollte umgehend die Polizei oder das Sicherheitsunternehmen informiert werden.

Wenn ich Hilfe benötige
Informationen, Seminare und Beratung bieten die Landeskriminalämter sowie alle Polizeidienststellen. Sicherheitsdienstleister finden sich in fast jeder Stadt.


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