
Als Trauma-Experte betreut er Opfer von Attentaten und Gewaltverbrechen. Nach dem geplanten Amoklauf in Köln versucht der Kinder- und Jugendlichentherapeut Dr. Christian Lüdke, die Vorfälle zu bewerten.
Nach den Amokläufen in Freising und Erfurt war er vor Ort, vor genau einem Jahr beriet er den Krisenstab in Emsdetten. Christian Lüdke weiß: Solche Jugendliche sind keine extreme Einzelfälle. "Es gibt sehr viele Jugendliche, die solche Phantasien haben und Nachahmungstäter sind", sagt der Therapeut im Gespräch mit der WR. Diese Jugendliche sehen in solchen Tätern letztendlich negative Idole.
"Fast immer gestörte Beziehungen"
Es handele sich oft Jugendliche, die relativ unscheinbar seien. Sie haben gute Schulleistungen, sind anpassungsfähig und materiell gut versorgt. "Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es in den Elternhäusern fast immer gestörte Beziehungen über einen langen Zeitraum." Laut Lüdke leider diese jungen Menschen unter Missachtung und darunter, keine emotionale Bindung zu den Eltern zu haben. "Bei denen läuft oft das Programm: Wenn ich nicht geliebt werde, will ich wenigstens gehasst werden."
Der Täter in Köln wurde nach Gesprächen mit Schule und Polizei wieder nach Hause geschickt. War das falsch? "Nein", sagt der Experte. Sowohl Schulleitung als auch Polizei hätten alles richtig gemacht. "Wenn man ihn nach Hause gebracht hätte oder ihn die Eltern abgeholt hätten, dann hätte er sich vielleicht am Abend umgebracht oder am nächsten Tag." So etwas werde nicht spontan entschieden. Die Täter tragen sich monatelang oder jahrelang damit, sich umzubringen.
In Bildung investieren
Um Amokläufe zu verhindern, sei bereits eine gute Entwicklung im Gang, findet Dr. Christian Lüdke. Aber blinder Aktionismus wäre fehl am Platz - mit Schulpsychologen beispielsweise könne nichts verhindert werden. "Wenn einer etwas vorhat, dann lässt er sich auch durch Zugangskontrollen nicht stoppen." Es sei eher sinnvoller, in Bildung zu investieren und Eltern aufzuklären.